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Es geht ja nicht ums Recht allein
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Lippische Rundschau, den 28.10.2003
Mediation eröffnet außergerichtliche Wege aus Konfliktsituationen
Es geht ja nicht ums Recht allein
Von Beate Depping
Lemgo (LR) Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Diese alte Volksweisheit haben die meisten Menschen schon im Kindesalter gehört meistens aber auch als Erwachsene noch nichts daraus gelernt. Wie sonst ist es zu erklären, dass tagtäglich zerstrittene Ehepaare, verfeindete Nachbarn, entzweite Vertragspartner und andere Streithähne durch ihre Anwälte, vor Gericht Konflikte regeln lassen? Billiger und für alle Parteien befriedigender ist es den Streit eigenverantwortlich zu regeln, wissen Marcus Bohnen (33) und Andrea Hegerbekermeier (33) aus Lemgo. Als Mediatoren bieten sie außergerichtliche Wege aus scheinbar ausweglosen Situationen an.
Vor Gericht wird die Wirklichkeit - auf juristische Fakten reduziert und über die wird dann auf Grundlage der Gesetzte geurteilt, fasst der Jurist Bohnen zusammen. Das Urteil ist der Abschluss eines Gerichtsprozesses, das Leben aber geht weiter.
Nicht selten stehen sich etwa am Ende eines Scheidungsverfahrens frühere Ehepartner so feindselig gegenüber, dass kaum noch ein gemeinsames Gespräch möglich ist. Auch der Streit um die berühmten Kirschen aus Nachbars Garten - der Zwist um von überhängenden Ästen geerntetes Obst oder zu nah an Zäune gesetzte Bäume - führt mitunter dazu, dass sich Menschen, die Tür an Tür wohnen und die sich unausweichlich täglich über den Weg laufen, nicht einmal mehr grüßen. Die Reihe an Beispielen lässt sich fortsetzen - und ist auch in Lemgo und Umgebung gelebte Realität.
Zunehmende Verrechtlichung
»Wir sind es einfach gewohnt, unsere Konflikte nicht mehr selber auszutragen, sondern sie an Staat abzugeben«, spricht Bohnen von einer zunehmenden »Verrechtlichung«, die dazu führe, dass eine Streitkultur kaum noch vorhanden sei. Vielen erscheine der Weg zum Anwalt oder vor den Richter leichter, als die direkte Auseinandersetzung mit demjenigen, mit dem sie im Zwist liegen.
Die Folgen sind bekannt: Überlastete Gerichte müssen sich mit immer kleinteiligeren Klagen herumschlagen und verlieren durch Fälle, die nicht selten schließlich wegen Geringfügigkeit abgewiesen werden, viel Zeit, die ihnen für die Beschäftigung mit gewichtigen Auseinandersetzungen fehlt. Deshalb setzt auch der Staat zuneh-mend auf vorgerichtliche Konfliktlösung. Schiedsleuten kommt hier eine wichtige Rolle zu, noch früher aber setzt die Mediation an.
Wieder selber miteinander sprechen
Bei Scheidungen beispielsweise: »Wenn Partner sich trennen wollen, bleibt ihnen vieles erspart, wenn sie einen Mediator einbeziehen, noch bevor sie einen Anwalt konsultieren«, berichtet Andrea Hegerbekermeier. Sparen im Wortsinne könne man sich so manches Honorar, so manche Gebühr, wenn man sich nämlich im Laufe der Mediation beispielsweise über finanzielle Regelungen einige. Die 75 bis 150 Euro Stundenhonorar für die Mediation seien eine vergleichsweise geringe Investition, wenn dadurch beispielsweise das gemeinsam erarbeitete Haus nicht verkauft werden muss.
Die Mediatoren - Bohnen und Hegerbekermeier arbeiten häufig -zu zweit - sorgen als unabhängige Gesprächsführer zunächst einmal dafür, dass zerstrittene Parteien überhaupt wieder miteinander ins Gespräch kommen. Bohnen: Es können gegenseitige Vorwürfe oder Verletzungen benannt werden. Wir aber achten darauf, dass es dabei fair zugeht und nicht etwa unversehens alte Bahnen wieder eingeschlagen werden, die ja schon einmal in die Sackgasse geführt haben.«
Eine Lösung des Konfliktes an sich aber stehe nicht am Ende der Mediation - zumindest sei sie nicht erklärtes Ziel. Vielmehr soll ein Weg gefunden werden, den beide Parteien beschreiten können, selbst wenn sie nicht miteinander ausgesöhnt werden können - oder wollen.
Ein Weg, der sich nicht allein auf gesetzliche Vorgaben beruft, sondern die individuellen Interessen berücksichtigt: Für ein Gericht ist es beispielsweise egal, ob zur Zahlung eines Zugewinnausgleichs ein Haus verkauft werden muss selbst für ein zerstrittenes Ehepaar kann es aber sehr wohl ein Ziel sein, eben dieses Eigenheim für die Kinder zu erhalten. Dazu sind gegenseitige Zugeständnisse erforderlich - und die erarbeiten die Streitenden gemeinsam mit dem Mediator.
Das Beispiel mit der Orange
»Ich spreche da gerne vom Beispiel einer Orange: Wird über sie gestritten, lässt ein Richter, sie einfach in zwei Hälften teilen. Er muss für sein Urteil nicht wissen, dass die eine Partei vielleicht nur das Fruchtfleisch haben will, die andere es aber ausschließlich auf die Schale abgesehen hat, weil sie damit einen Kuchen backen will. Der Mediator erkundet diese Interessen und am Ende haben beide Konfliktparteien das, was sie auch wirklich haben wollen - und nicht nur das, was ihnen von Rechts wegen zusteht sie aber vielleicht für Interessen gar nicht benötigen«, erläutert Bohnen.
Ein weiterer Mehrwert neben den gesparten Kosten also, den Mediatoren ihren Klienten zusichern. Und ihm folgt noch ein dritter, nicht in Zahlen messbarer Vorteil, den die Beiden aber umso stärker hervorheben: »Bei uns kommen beide Seiten zu Wort, sie setzen sich eigenverantwortlich, mit dem, was zwischen ihnen steht, auseinander und finden gemeinsam einen Ausweg.«
Das sei über die direkte Problemlösung hinaus auch die beste Basis dafür, dass der menschliche Kontakt nicht völlig auf der Strecke bleibe, sondern vielleicht sogar eine neue Ebene für künftige Gespräche gefunden werde.
Gute Aussichten für Ex-Ehepartner, die auch nach einer Scheidung gemeinsame Entscheidungen im Interesse der Kinder treffen müssen oder Nachbarn, die vielleicht doch mit einem »Guten Morgen« über den Gartenzaun lieber leben als mit dauerhaft eisigem Schweigen
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"Mediation, nicht Meditation"
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Interview: Andrea Hegerbekermeier und Marcus Bohnen
Lemgo (ax). Mediation ist ein außergerichtliches und kostengünstiges Verfahren zur Konfliktlösung. Mediation ist keine Schiedsstelle, in der ein Dritter für die Konfliktparteien eine Lösung vorschlägt, es ist auch keine Therapie, bei der die Aufarbeitung emotionaler Probleme im Vordergrund steht. Und Mediation hat überhaupt nichts mit der stillen Einkehr auf einem Kissen zu tun. Andrea Hegerbekermeier und Marcus Bohnen haben sich mit einem Beratungsbüro "Mediation Lemgo" am Ostertor niedergelassen. Die LZ sprach mit den beiden über Aspekte ihrer Arbeit.
Sie bieten Wege für Konfliktlösungen an - gibts da eine Garantie vorab?
Hegerbekermeier: Unser Verfahren weicht ab von einer juristischen Herangehensweise bei Problemfallen. Wir bieten Wege an, wir können den Menschen nicht die Konflikte abnehmen. Von daher kann es keine Erfolgsgarantie geben.
Sie vermitteln zwischen Tätern und Opfern - wie gelingt es Ihnen, den Täter neutral zu beurteilen?
Bohnen: Die Krux liegt schon in dem Wort Täter, er ist für uns eher ein Schädiger. Wir beurteilen nicht, was gewesen ist. Wir schauen uns das ganze Umfeld ist, zu seiner Tat zu stehen und einen Schritt nach vorn zu tun. Die Tat selbst spielt für uns als Mediatoren nicht mehr die entscheidende Rolle.
Wenn ein Ehepaar kommt, wirds fraglos bei so manchem Thema heikel. Beraten sie alles von Geld über Job bis zum Sex?
Hegerbekermeiermeier: Die Themen werden von den Paaren selbst bestimmt. Geld ist fraglos häufig ein Thema bei Konflikten. Der Beruf kann es sein, Beziehungsaspekte wie Sex auch.
Es ist für uns wichtig, die Grenzen unserer Arbeit zu sehen. Wir lösen sachliche Konflikte, weniger emotionale. Die alten Verletzungen haben in den Gesprächen ihren Raum, wir sehen den ganzen Menschen, nicht nur das spezielle Problem, aber unsere Absätze ersetzen keine Therapie.
In Betrieben gibt es immer Konflikte; gehen Sie in das Unternehmen oder müssen die Streithähne zu ihnen ins Büro kommen?
Bohnen: Wir gehen lieber in den Betrieb, denn dort sind die Probleme entstanden, dort wollen wir sie auch lösen. Praktisch unter Realbedingungen. In einigen Fällen lohnt es sich vielleicht auch, im Betrieb Mitarbeiter mit der Lösung von Streitigkeiten zu betrauen, dann bieten wir eine so genannte Konfliktlotsenausbildung an.
Was ist in den Gesprächen wichtiger: Strategie oder Psychologie?
Hegerbekermeier: Strategisches Handeln liegt uns fern, trotzdem verfolgen wir mit unserer Beratung natürlich Ziele. Wir geben dem Gespräch ein Gerüst, weniger eine Strategie. Psychologie ist dann wichtig, wenn wir herausfinden müssen, welche Ziele die beiden Parteien wirklich haben.
Wie berechnen sich Ihre Honorare?
Bohnen: Nicht immer gleich. Grundsätzlich kostet eine Stunde zwischen 75 und 150 Euro, wenn wir beide im Einsatz sind. Eine Beratung erstreckt sich durchschnittlich auf drei bis fünf Stunden. Wenn dadurch ein gerichtlicher Streit vermieden wird, lohnt es sich auch finanziell für die Streitenden.
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"Menschen in unserer Stadt"
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Menschen in unserer Stadt
Andrea Hegerbekermeier, Mediatorin
Wenn andere sich streiten, wenn nichts mehr geht, wenn man nur noch in Vorwürfen miteinander kommuniziert oder auch gar nicht mehr - dann tritt Andrea Hegerbekermeier in Aktion: als Mediatorin. Im August hat sie sich in ihrer Heimatstadt Lemgo mit ihrem Kollegen Marcus Bohnen selbstständig gemacht und bietet hier "Wege zur Konfliktlösung" an.
In der Mediation, so erklärt sie, geht es darum, Sach-Konflikte außergerichtlich zu lösen und zu einer für beide Seiten akzeptablen Lösung zu kommen. Weder, das betont sie, umfasst die Mediation eine juristische Beratung, noch werden hier tiefliegende menschliche Konflikte auf emotionaler Ebene angegangen. "Wir versuchen, dass beide Streitparteien selbst eine Lösung nach ihren Interessen finden", beschreibt sie das Verfahren.
Ihr Klientel besteht in erster Linie aus Familien, hier geht es zum Beispiel bei Scheidungen um einvernehmliche Regelungen: Wer bekommt wieviel Unterhalt, wie wird der gemeinsame Besitz aufgeteilt? Und wie soll das Umgangsrecht für die Kinder geregelt werden? Und eine gütliche Lösung kann insbesondere für Kinder von großer Bedeutung sein. Aber auch in Nachbarschaftsstreitereien oder Konflikten in Betrieben versucht die Mediatorin mit den Parteien Lösungen zu finden. Schließlich gehört auch der Täter-Opfer- Ausgleich zu ihrem Aufgabenfeld.
Von Haus aus ist Andrea Hegerbekermeier Juristin. Angefangen hat, sie ihr Studium mit Pädagogik, beendet mit den juristischen Staatsexamen. Zwischendurch hat sie unter anderem in einer Anwaltskanzlei in Australien gearbeitet, als auch bei einem Entwicklungshilfeprojekt in Afrika. Nach ihrem Studium in Marburg und Bielefeld sowie dem Referendariat in der Leineweberstadt schloss die Lemgoerin ein einjähriges Fernstudium Mediation an.
Die 33-Jährige ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann Thomas und den zwei Kindern Max Und Jan in Lemgo. Und ihrer Familie, so betont sie, gehört auch ihre Freizeit. Kann sich die Fachfrau in Sachen konstruktiver Konfliktlösung zu Hause noch so richtig ordentlich. streiten? Sie lacht. "Ja, klar", gesteht sie, dass trotz aller Ausbildung im Hause Hegerbekermeier auch schon mal die "Fetzen fliegen".
Patricia Meyer
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